"Kinder zu unterhalten ist eine Kunst"

Manfred Forster ist Leiter des Linzer Kinderkulturzentrums Kuddelmuddel, er ist außerdem der Initiator der Kinderkulturwoche, die alljährlich im Herbst ein dichtes Programm für Kinder und Familien bietet - quer durch viele Kulturinstitutionen der Stadt (Lentos, Brucknerhaus, Landesgalerie, Schlossmuseum, Kuddelmuddel, Wissensturm, Moviemento u.v.m).

Mit Linzerkind sprach Manfred Forster über die Bedeutung der Kultur für Kinder und Familien, über die Generation Smartphone und die Faszination eines Live-Erlebnisses.

 
 Der Leiter des Kinderkulturzentrums Kuddelmuddel, Manfred Forster. (c) LIVA/Kuddelmuddel

Der Leiter des Kinderkulturzentrums Kuddelmuddel, Manfred Forster. (c) LIVA/Kuddelmuddel

 

Linzerkind: Kinderkultur soll oft einen Mehrwert haben: Sie soll lehrreich sein, erziehen, das Selbstbewusstsein stärken, ... Was macht für Sie gute Kinderkultur aus?

Manfred Forster: Gute Kinderkultur muss für mich eine Geschichte haben, die mich bewegt. Eine Geschichte, die ein Erlebnis, ein Gefühl vermittelt und berührt. Und dann kommen Spieltechnik und Spielweise dazu, die handwerklich gut sein müssen. Für ein paar Minuten kann jeder den Kasperl machen, aber Kinder über 45 Minuten gut zu unterhalten ist eine Kunst. Wenn etwas nicht stimmig ist, verlieren Kinder schnell die Aufmerksamkeit. Sie üben vielleicht keine Kritik, aber wenn sie die Geschichte nicht interessiert, werden sie eben alles andere tun als aufpassen. Es muss aber nicht großes Theater sein, es gibt auch viele Stücke, die in ihrer Kleinheit extrem Großes erzählen können. Manchmal braucht aber auch den Pomp mit viel Licht und vielen Requisiten. Letztlich geht es darum, ob man den anderen berührt.

Muss gute Kinderkultur auch den Erwachsenen gefallen?

Natürlich sind immer Eltern oder Großeltern dabei, und ich glaube schon, dass es schön ist, wenn es auch Dinge gibt, die auf dem Niveau der Erwachsenen sind. Ich glaube nämlich nicht, dass immer die billigen Schmähs für die Kinder kommen müssen. Man muss die Kinder ernst nehmen, sie können sehr wohl einen guten Schmäh verstehen, aber er darf eben keinen großen Erfahrungsschatz voraussetzen. Es dürfen auch kindische Elemente dabei sein, aber wenn das zum Dauerprogramm wird, halte ich es für falsch. Aber natürlich muss ein Stück für 3-Jährige in seiner Komplexität reduzierter sein.

Ärgert es Sie, dass die Kinderkultur oft als „kleine Kultur“ behandelt wird und auf den Kulturseiten oft im hintersten Eck abgehandelt wird?

Es ärgert mich sicher. Ich denke mir dann manchmal schon, dass wir die Deppen sind mit der Kinderkultur, weil wir nicht dieselbe Anerkennung bekommen. Aber umgekehrt haben wir mehr Spielraum und können mehr experimentieren. Viele denken, bei der Kinderkultur wird ja nur ein bisschen gespielt, so wie die Kindergärten ja auch nur als Spielstationen gesehen werden. Dabei wird hier und dort grundlegende Arbeit gemacht. Wenn da eine gute Basis geschaffen wird, kann man ein Leben lang davon zehren. Kinderkultur hat für mich einen wichtigen Stellenwert, und ich bin der Überzeugung, dass wir uns unseren Platz und Respekt erkämpfen. Ich habe aber auch den Eindruck, dass sich in den letzten Jahren da einiges tut.

Was macht Kulturgenuss mit Kindern?

Ich nehme etwas mit anderen Menschen wahr, das ist schon einmal eine andere Situation als daheim vorm Fernseher zu sitzen. Dort ist es zweidimensional, ohne direkte Kommunikationsmöglichkeit. Im Theater ist man live, man ist unmittelbar hier, nimmt sich Zeit. Was ich wunderbar finde: Oft beginnen die Kinder schon beim Applaus über das Stück zu reden und zu fragen. Es passiert ganz viel Verarbeitung, das schafft auch der Rahmen. Vor dem Fernseher sitzt man oft alleine und hat nicht die Möglichkeit zum Austausch. Im Theater wird die Kreativität gefördert und angeregt. Kinder spielen zuhause Sachen nach, bauen oft Kostüme und Bühnenbilder nach. Bei den Theater-Werkstätten erlebe ich oft, dass Kinder hier zum ersten Mal Anerkennung bekommen für etwas, das sie gemacht haben. Sie bekommen ein anderes Auftreten, können viel an Selbstbewusstsein mitnehmen. Sie lernen eine andere Welt kennen, erweitern ihren Horizont.

Die Smartphone-Generation ist durch Spiele-Apps und Youtube gewöhnt, dass sich immer etwas tut. Erleben Sie es, dass sich Kinder nicht so gut konzentrieren können oder ihnen schnell langweilig wird?

Wir sehen schon, dass es den Kindern immer schwerer fällt, sich eine Dreiviertelstunde auf etwas zu konzentrieren. Die Schweizer Figurentheater-Spielerin Margrit Gysin hat in Afrika vor 300 Leuten gespielt und erzählt, dass es gar kein Problem war, dass alle eine Stunde lang aufpassen. In Europa sei das immer schwieriger, meint sie, weil die Kinder Schwierigkeiten mit der Konzentration haben. Sie erleben immer sehr viel parallel, switchen schnell herum. Darauf muss man auch eingehen und sich überlegen wir man ein Stück aufbaut, trotz allem hielte ich es für fatal nur mehr halbstündige Stücke machen. Das will ich nicht, und das geht bei manchen Sachen auch einfach nicht. Die Erwachsenen sind oft auch kein großes Vorbild, sie spielen mit dem Handy oder tratschen in der letzten Reihe. Das finde ich schade, weil es auch um ein gemeinsames Erlebnis geht.

Sie gehen mit einigen Produktionen auch in die Stadtteile hinaus, wie wird das angenommen?

Das ist viel Organisationsaufwand, aber ich möchte es noch mehr vorantreiben machen, damit es noch mehr angenommen wird. Ich möchte es weiter forcieren, weil die Mobilität der Besucher auch ihre Grenzen hat und viele nicht eine Stunde ins Zentrum zum Kindertheater fahren wollen. Und es gibt sicher noch viele Leute, die noch nicht wissen, dass es hier das Kinderkulturzentrum gibt. Wir möchten sie sozusagen abholen. Wir gehen mit vielen Angeboten in die Stadt hinaus, mit der Märchenzeit sind wir in der Altstadt, wir sind beim Linzfest und bei der Kinderklangwolke präsent.

Kindertheater ist oft Schlechtwetterprogramm – wie gehen Sie damit um?

Wir sind für viele eine Schlechtwetteralternative. Das stört mich prinzipiell nicht, aber es gibt oft so lässige Sachen, die man sich wirklich anschauen sollte und wenn das Wetter zu schön ist, kommt niemand. Ich würde den Besuchern gerne sagen: Wenn die Rolling Stones kommen, reserviert ihr ja auch schon Monate im voraus die Karten und geht’s dann hin, das könntet Ihr bei uns eigentlich auch machen.

Es gibt viel Konkurrenz am Kinder-Freizeitsektor, wie sticht man da als Theater heraus?

Bei uns kann man sein Kind nicht abgeben, das möchte ich auch nicht. Mir ist es schon wichtig, dass die Besucher ein Familienerlebnis haben. Ich verstehe aber auch, dass es Familien gibt, die das nicht immer schaffen. Wir können nicht mit dem Kino konkurrieren, das ist auch etwas ganz anderes, mit dem ganzen Remmidemmi. Die Freizeitangebote für Kinder sind gewaltig. Oft haben die Eltern auch nicht so eine Vorstellung davon, weil sie selbst auch nie ins Theater gehen. Jetzt kann ich entweder angefressen sein, weil uns noch zuwenig kennen - oder ich unternehme was dagegen.